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Tierärzte unter Druck: Wir brauchen mehr Vertrauen

Tierleid, Zeitdruck und Konflikte belasten Praxisteams. Christian Müller erklärt, was Tierhalter, Praxen und Versicherungen beitragen können.

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Warum wir darüber sprechen

Ein Instagram-Beitrag über psychische Belastungen in der Tiermedizin hat uns beschäftigt. Er zeigt ein Thema, das uns bei Tier & Ich sehr wichtig ist: Wie können Tierhalter und Praxisteams besser miteinander umgehen? Dabei geht es um weit mehr als Geld. Gute Versorgung braucht Menschen, die ihren Beruf ausüben können, ohne dabei dauerhaft an ihre Grenzen zu geraten.

Die Belastung reicht weit über die Rechnung hinaus

Wer in der Tiermedizin arbeitet, begegnet Krankheit, Verletzungen und dem Tod von Tieren. Dazu kommen die Sorgen ihrer Halter und Entscheidungen, bei denen es keine einfache Lösung gibt. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege nennt außerdem Zeitdruck, unklare Zuständigkeiten, fehlende Anerkennung und Konflikte im Team als mögliche Belastungen. [1]

Ein Gespräch über eine schlechte Prognose endet nicht unbedingt mit dem Termin im Kopf der behandelnden Person. Gleichzeitig warten weitere Patienten und Aufgaben. Wir finden: Wer über das Verhältnis zwischen Tierhaltern und Tierärzten spricht, muss diesen Arbeitsalltag mitdenken.

Finanzielle Fragen können eine ohnehin schwierige Situation verschärfen. Sie erklären aber nicht jede Überlastung. Auch ein vollständig bezahlter Eingriff kann emotional schwer sein. Ebenso löst eine Versicherung weder Personalprobleme noch einen Dienstplan, der zu wenig Erholung lässt.

Was deutsche Befragungen zeigen

Eine im Januar 2026 veröffentlichte Studie von Irina Böckelmann und Beatrice Thielmann wertete Angaben von 1.053 Tierärzten aus. Die Befragung lief von Juli 2021 bis Februar 2023. 52,7 Prozent berichteten von verbalen Übergriffen oder körperlicher Gewalt durch Tierhalter. Körperliche Gewalt war selten. Die gemeinsame Zahl darf daher nicht als Anteil körperlich angegriffener Tierärzte gelesen werden. [2]

Es handelt sich um rückblickende Selbstauskünfte aus einer Onlinebefragung. Die Untersuchung zeigt eine erhebliche Belastung unter den Befragten. Sie misst nicht, ob Übergriffe im Laufe der Jahre häufiger geworden sind. Ihre Ergebnisse dürfen auch nicht pauschal auf alle Beschäftigten in Tierarztpraxen übertragen werden. [2]

Eine 2020 veröffentlichte Untersuchung von Kathrin Schwerdtfeger und weiteren Forschenden untersuchte 3.118 Tierärzte. 19,2 Prozent berichteten aktuelle Suizidgedanken; 32,11 Prozent erreichten im verwendeten Fragebogen den Schwellenwert für ein erhöhtes Suizidrisiko. Das sind Ergebnisse eines Screenings, keine Suizidraten und keine individuellen ärztlichen Diagnosen. Die zugrunde liegende Befragung fand 2016 statt. [3] [4]

Die Studie von 2020 untersucht ausdrücklich nicht die Ursachen dieser erhöhten Werte. Wir leiten daraus deshalb keine Schuldzuweisung an Tierhalter ab. Ebenso wenig beschreiben die Zahlen den aktuellen Zustand aller Tierärzte im Jahr 2026. Sie sind ein ernst zu nehmender Anlass, psychische Gesundheit im Beruf dauerhaft zu berücksichtigen. [3]

Arbeitsbedingungen und Anerkennung gehören in die Diskussion

Eine 2024 veröffentlichte Auswertung derselben Befragung untersucht unter anderem übermäßigen Arbeitseinsatz und geringe Anerkennung. Beide standen mit psychischen Belastungsmerkmalen in Zusammenhang. Anerkennung umfasst hier mehr als die Bezahlung. Die Auswertung ist keine neue unabhängige Befragung und belegt keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung. [4]

Eine weitere deutsche Untersuchung erschien im September 2026. Sie befragte 152 Tierärztinnen zwischen September 2024 und September 2025. Mehr als 40 Wochenstunden gingen unter anderem mit weniger bewussten Pausen und stärker berichteten Stress- und Burnoutsymptomen einher. Die kleine Stichprobe aus einer freiwilligen Onlinebefragung erlaubt keine repräsentative Aussage über den gesamten Beruf. Auch hier wurden Zusammenhänge beobachtet, keine Ursachen bewiesen. [5]

Für uns folgt daraus eine praktische Frage: Welche Bedingungen helfen einem Team, seine Arbeit dauerhaft gut zu machen? Ein freundlicher Umgang durch Kunden ist wichtig. Dazu müssen aber auch verlässliche Abläufe und die Möglichkeit kommen, Überlastung rechtzeitig anzusprechen.

Auch die Menschen am Empfang und in der Assistenz zählen

Tiermedizinische Fachangestellte begleiten Behandlungen, betreuen Tiere und halten den Praxisalltag mit am Laufen. Am Empfang und am Telefon treffen sie auf Fragen, Sorgen und Beschwerden. Wer Respekt für die Tiermedizin fordert, muss das gesamte Team einschließen.

Die genannten Studienzahlen beziehen sich auf Tierärzte. Für Tiermedizinische Fachangestellte nennen wir daraus keine eigenen Krankheits- oder Gewaltquoten. Unsere Forderung gilt trotzdem für alle Mitarbeitenden: Niemand sollte mit belastenden Begegnungen allein bleiben.

Ein Team braucht einen klaren Weg, Unterstützung zu holen. Wer übernimmt ein Gespräch, wenn es eskaliert? Wer spricht nach einem schweren Vorfall mit den Betroffenen? Für uns gehören solche Absprachen ebenso zur Qualität einer Praxis wie ein geordneter Behandlungsablauf.

Tierhalter brauchen verständliche Antworten

Ein krankes Tier kann Angst und Hilflosigkeit auslösen. Manche Halter sorgen sich zusätzlich, ob sie eine Behandlung bezahlen können. Diese Sorgen verdienen Aufmerksamkeit. Eine Nachfrage zur Diagnose, zu einer Untersuchung oder zur Rechnung ist noch kein Angriff auf die Praxis.

Wir wünschen uns Gespräche, in denen Halter offen sagen können, was sie verstanden haben und was noch unklar ist. Dazu gehört auch die Frage nach medizinisch vertretbaren Alternativen. Wer eine Entscheidung treffen soll, braucht eine Erklärung zu Nutzen, Risiken und Dringlichkeit.

Umgekehrt müssen sich Tierhalter ansprechbar und respektvoll verhalten. Angst erklärt eine starke Reaktion, rechtfertigt aber weder Beleidigungen noch Drohungen. Eine sachliche Beschwerde benennt, was passiert ist und welche Klärung gewünscht wird. Persönliche Angriffe helfen bei dieser Klärung nicht.

Was Praxisleitungen konkret verändern können

Die BGW empfiehlt langfristige, realistische Dienstpläne und klar geregelte Aufgaben. Beschäftigte sollen mitgestalten können und Unterstützung bei Konflikten erhalten. Regelmäßige Teamgespräche, Anerkennung und Fortbildungen zum Konfliktmanagement gehören ebenfalls zu den Empfehlungen. Nach belastenden Angriffen kann professionelle Hilfe notwendig sein. [1]

Für uns heißt das auch: Dauerndes Einspringen darf nicht zum stillen Maßstab für alle werden. Wenn eine Praxis nur funktioniert, weil einzelne Menschen ständig ihre Grenzen überschreiten, muss die Organisation überprüft werden. Eine einzelne erschöpfte Person kann dieses Problem nicht allein lösen.

Dabei steht auch eine Praxisleitung unter wirtschaftlichem Druck. Deshalb gehören ausreichendes Personal und eine tragfähige Vergütung in dieselbe Diskussion. Wir halten es für falsch, gute Versorgung zu verlangen und die dafür nötigen Arbeitsbedingungen auszublenden.

Was wir als Versicherungsagentur beitragen können

Unser Beitrag beginnt mit klaren Informationen zum Vertrag. Wir erklären vor dem Abschluss, welche Behandlungen versichert sind und welche Kosten beim Halter bleiben. Damit wollen wir Erwartungen vermeiden, die später im Behandlungszimmer zu Enttäuschung führen.

Bei einer offenen Erstattung helfen wir, Unterlagen zusammenzubringen und Rückfragen zu klären. Wir können erläutern, welche Information fehlt, und die Anfrage mit der zuständigen Leistungsabteilung besprechen. Die medizinische Entscheidung liegt beim behandelnden Team; über die Versicherungsleistung entscheidet der Versicherer.

Auch Versicherer tragen Verantwortung für den Umgang miteinander. Aus unserer Sicht brauchen Praxen konkrete Rückfragen statt unklarer Anforderungen. Kunden brauchen nachvollziehbare Entscheidungen statt bloßer Verweise auf Bedingungen. Gute Zusammenarbeit verlangt Verlässlichkeit von allen Beteiligten.

Wir sprechen hier als Petra und Christian Müller aus unserer Agentur. Diese Position ist keine offizielle Stellungnahme der BarmeniaGothaer. Eine Versicherung kann finanzielle Unsicherheit verringern. Psychische Gesundheit und gute Arbeitsbedingungen brauchen darüber hinaus eigene Aufmerksamkeit.

Unterstützung sollte früh erreichbar sein

Wenn Sie selbst psychisch stark belastet sind, können Sie sich an Ihre Hausarztpraxis oder eine psychotherapeutische Anlaufstelle wenden. Unterstützung muss nicht erst dann beginnen, wenn Arbeiten kaum noch möglich ist.

Für ein vertrauliches Gespräch ist die TelefonSeelsorge rund um die Uhr erreichbar. Das Angebot ist kostenlos und anonym. Die Website mit den Kontaktmöglichkeiten ist unten verlinkt. [6]

Meine Sicht

Mich beschäftigt dieses Thema sehr. Ich möchte, dass Tierärzte und ihre Teams ihren Beruf gerne ausüben können. Ebenso möchte ich, dass Tierhalter ihre Praxis mit Vertrauen aufsuchen und sich mit ihren Sorgen ernst genommen fühlen.

Dafür müssen wir besser miteinander sprechen und genauer zuhören. Respekt bedeutet für mich auch, Grenzen zu akzeptieren. Niemand muss Beleidigungen aushalten, weil er sich für Tiere einsetzt. Gleichzeitig darf ein Tierhalter Fragen stellen und eine Rechnung prüfen lassen.

Faire Vergütung und nachvollziehbare Abrechnung gehören für mich zusammen. Wo Leistungen oder Gebühren unklar sind, möchte ich Klärung. Wo Menschen überlastet werden, möchte ich Unterstützung und bessere Bedingungen. Beides verdient eine sachliche, manchmal auch deutliche Diskussion.

Als Versicherungsvermittler sehe ich unsere Aufgabe darin, dabei konkret zu helfen. Wir können Verträge erklären, Rückfragen ordnen und Missverständnisse ansprechen. Ich wünsche mir, dass Tierhalter, Praxen und Versicherungen ihre jeweilige Verantwortung ernst nehmen. Davon profitieren am Ende auch die Tiere.

Quellen

Stand: 20. Oktober 2026. Persönliche Position aus unserer Versicherungsagentur. Die Studien beschreiben ihre jeweiligen Befragungsgruppen und Erhebungszeiträume. Die statistischen Angaben beziehen sich auf Tierärzte, nicht auf alle Praxismitarbeitenden.

  1. BGW: Sichere Seiten für die Tiermedizin – Psychische Belastung, Stand Januar 2025
  2. Böckelmann und Thielmann (2026): Experiencing Violence from Animal Owners in Veterinary Medicine, Healthcare 14(2), 262
  3. Schwerdtfeger et al. (2020): Depression, suicidal ideation and suicide risk in German veterinarians, Veterinary Record 186, e2
  4. Schwerdtfeger et al. (2024): High overcommitment and low reward, PLOS ONE 19(9), e0310819; weitere Auswertung der Erhebung von 2016
  5. Kolsch, Ózsvári und Máté (2026): Occupational stress, work-life balance, and coping among female veterinarians in Germany, Frontiers in Veterinary Science
  6. https://www.telefonseelsorge.de/

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